Der HR-Irrsinn in der Agenturbranche

Der HR-Irrsinn in der Agenturbranche

Es ist zunehmend immer schwieriger, talentierte Nachwuchskräfte zu finden. Gerade deshalb dürfen wir vor einer Tatsache nicht die Augen verschließen: Wie die Agenturbranche derzeit versucht, young professionals zu erreichen, führt in die Sackgasse.

Siegmar Tittjung, geschäftsführender Gesellschafter der KRAFT.JUNG.S

Wenn das Image von Berufen abgefragt wird, stehen Ärzte, Piloten und Feuerwehrleute regelmäßig ganz oben auf der Liste. Ganz unten sind die Versicherungsvertreter, Finanzmanager und Werber. Warum aber ist das so? Es gibt ohne Frage zahlreiche TV-Spots, die unterhaltsamer sind als das Fernsehprogramm davor und viele Anzeigen, die in der Bleiwüste so mancher Zeitschrift eine optische Bereicherung darstellen. Es ist vielmehr das verbreitete Vorurteil, in Werbeagenturen werde mies bezahlt, eine Menge Überstunden gemacht und Aufstiegschancen gebe es auch so gut wie keine.

Statt sich aber gegen dieses Image zu wehren, blicken die Agenturchefs fassungslos auf die Industrieunternehmen, die ihnen die besten Kräfte wegschnappen. Und deren Personalchefs erzählen den künftigen Mitarbeitern mehr über Work-Life-Balance, Überstundenausgleich und Sabbatical als über den eigentlichen Job. In Befragungen geben Studenten daher nur selten an, dass sie nach der Uni lieber in einer Agentur als einem Industrieunternehmen arbeiten. Doch zur Lösung des Problems beschreitet man offenkundig falsche Wege. Statt Vorteile wie eigenverantwortliches Arbeiten und schnelle Karrieremöglichkeiten herauszustreichen, auf die wachsende Bedeutung der Kreativwirtschaft zu verweisen und selbstbewusst aufzutreten, reden sich die Werbeagenturen lieber klein und biedern sich bei der Suche geradezu an. Da gibt es beispielsweise spezielle Apps, mit denen Interessenten sich nebenbei bewerben können. Oder man versucht sich mit Tipps vom Schlage „Machen Sie einen ausgezeichneten Eindruck im Umgang mit neuen Bewerbern“ zu positionieren. Wenn dies der Weisheit letzter Schluss ist, dürfen wir uns nicht wundern, wenn High Potentials einen großen Bogen um Werbeagenturen machen.

Doch noch viel gravierender ist etwas anderes: Es ist in unserer Kreativbranche längst nicht mehr so, dass sich die Bewerber flexibel zeigen müssen, um bei der Agentur ihrer Wahl anzuheuern. Paradoxerweise ist es anders herum: Die Agenturen folgen ihren potenziellen Mitarbeitern. Sie gründen in angesagten Metropolen eigens neue Niederlassungen, damit Nachwuchstalente gar nicht erst über einen Wohnortwechsel nachdenken müssen. Besonders auffällig wird dies in der Hauptstadt Berlin. So ziemlich jede große Agentur will dort ihre eigene Dependance errichten.

Ein fatales Zeichen gegenüber den eigenen Kunden: Die sitzen nämlich häufig in ganz anderen Regionen. Beispielsweise in wirtschaftlich starken Bundesländern wie hier in Baden-Württemberg. Zu ihnen auf räumliche Distanz zu gehen, um gleichzeitig im Rattenrennen um junge Kreative dabei zu sein, kann nicht die Lösung sein. Unsere ist es jedenfalls nicht.

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Marcel Müller